Warum passiert mir das immer wieder? Wiederkehrende Muster verstehen und verändern
- sandraschnur
- 15. Juli
- 4 Min. Lesezeit

Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Obwohl du dir fest vorgenommen hast, es dieses Mal anders zu machen, befindest du dich plötzlich wieder in einer ähnlichen Situation.
Du gerätst erneut an einen Menschen, der dir nicht die Nähe geben kann, die du brauchst. Du sagst Ja, obwohl du eigentlich Nein sagen möchtest. Du ziehst dich zurück, sobald ein Konflikt entsteht. Oder du stellst deine eigenen Bedürfnisse immer wieder hinten an, bis du dich erschöpft, enttäuscht oder nicht gesehen fühlst.
Die Menschen und Situationen können wechseln – und trotzdem bleibt am Ende dieses vertraute Gefühl: „Warum passiert mir das immer wieder?“
Wiederkehrende Muster entstehen nicht grundlos
Viele unserer Verhaltensweisen haben sich irgendwann entwickelt, weil sie hilfreich waren. Vielleicht hast du früh gelernt, dich anzupassen, um Streit zu vermeiden. Vielleicht war es wichtig, stark zu sein, keine Schwäche zu zeigen oder Verantwortung für andere zu übernehmen. Was früher Sicherheit, Anerkennung oder Zugehörigkeit ermöglicht hat, kann später jedoch zur Belastung werden. Das Muster läuft weiter, obwohl es heute möglicherweise gar nicht mehr notwendig ist.
Unser Gehirn ist dabei leider kein besonders kreativer Drehbuchautor. Was sich einmal als vermeintlich sicher erwiesen hat, wird gerne wiederholt – selbst wenn wir längst merken, dass uns dieses Verhalten nicht mehr guttut.
Der Blick der kognitiven Verhaltenstherapie
In der kognitiven Verhaltenstherapie betrachten wir, wie Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen miteinander verbunden sind. Nicht allein eine Situation bestimmt, wie wir uns fühlen, sondern auch die Bedeutung, die wir ihr geben. Antwortet ein Mensch beispielsweise längere Zeit nicht auf eine Nachricht, können ganz unterschiedliche Gedanken entstehen:
„Ich bin ihm nicht wichtig.“
„Ich habe bestimmt etwas falsch gemacht.“
„Er wird mich verlassen.“
Solche Gedanken können Angst, Traurigkeit oder innere Unruhe auslösen. Vielleicht schreibst du daraufhin immer wieder, ziehst dich verletzt zurück oder beendest die Beziehung vorsichtshalber selbst. Kurzfristig kann dieses Verhalten etwas Sicherheit geben. Langfristig bestätigt es jedoch möglicherweise genau die Angst, die bereits vorhanden war. In der Therapie können wir solche automatischen Gedanken und Bewertungen sichtbar machen. Wir prüfen gemeinsam, ob sie der aktuellen Situation entsprechen oder ob dabei frühere Erfahrungen mitschwingen. Anschließend können neue, hilfreichere Gedanken und Verhaltensmöglichkeiten entwickelt und im Alltag erprobt werden. Es geht dabei nicht darum, sich alles schönzureden. Es geht darum, die eigene Wahrnehmung zu erweitern und nicht mehr jeder alten inneren Überzeugung ungeprüft zu glauben.
Der systemische Blick auf wiederkehrende Muster
Der systemische Ansatz betrachtet einen Menschen nicht losgelöst von seinem Umfeld. Wir alle bewegen uns in verschiedenen Systemen: in unserer Herkunftsfamilie, in Partnerschaften, im Freundeskreis, im beruflichen Team und in anderen sozialen Beziehungen. Dabei entstehen bestimmte Rollen und Wechselwirkungen.
Vielleicht bist du in deiner Familie diejenige, die immer vermittelt. Vielleicht hast du gelernt, für Harmonie zu sorgen, Verantwortung zu übernehmen oder eigene Wünsche zurückzustellen. Möglicherweise wiederholt sich diese Rolle später in deiner Partnerschaft oder im Beruf. Der systemische Blick fragt deshalb nicht nur: „Was stimmt mit mir nicht?“ Viel hilfreicher sind Fragen wie:
In welchen Situationen tritt das Muster besonders häufig auf?
Welche Reaktion löst mein Verhalten bei anderen Menschen aus?
Wie reagieren diese wiederum auf mich?
Welche Aufgabe oder Schutzfunktion hatte dieses Muster einmal?
Und was könnte sich verändern, wenn ich mich heute anders verhalte?
Dabei geht es nicht darum, der Familie, dem Partner oder anderen Menschen die Schuld zu geben. Es geht darum, Zusammenhänge und Wechselwirkungen zu erkennen. Denn sobald ein Muster verständlicher wird, entsteht häufig auch mehr Handlungsspielraum.
Zwei Blickrichtungen, die sich gut ergänzen
Die kognitive Verhaltenstherapie richtet den Blick stärker auf die konkreten Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen in einer bestimmten Situation. Der systemische Ansatz erweitert die Perspektive und betrachtet zusätzlich Beziehungen, Rollen, Erfahrungen und wiederkehrende Wechselwirkungen.
Man könnte sagen: Die kognitive Verhaltenstherapie arbeitet wie mit einem Vergrößerungsglas. Wir schauen genau hin, was in einem bestimmten Moment in dir geschieht. Der systemische Ansatz verwendet zusätzlich ein Weitwinkelobjektiv und betrachtet, in welchem größeren Zusammenhang dein Verhalten entstanden ist und heute aufrechterhalten wird.
In meiner therapeutischen Arbeit verbinde ich beide Perspektiven miteinander. Gemeinsam können wir herausfinden, wodurch ein belastendes Muster ausgelöst wird, welche Gedanken und Gefühle damit verbunden sind und welche Funktion es bisher erfüllt hat. Anschließend geht es darum, neue Reaktionsmöglichkeiten zu entwickeln. Das kann bedeuten, eigene Bedürfnisse klarer auszusprechen, Grenzen zu setzen, Konflikte anders zu führen, Nähe besser zuzulassen oder sich selbst weniger streng zu beurteilen.
Veränderung beginnt mit Verstehen
Wiederkehrende Muster sind kein Zeichen dafür, dass mit dir etwas nicht stimmt. Häufig zeigen sie, dass du noch immer eine Strategie verwendest, die irgendwann einmal sinnvoll oder sogar notwendig war. Veränderung bedeutet deshalb nicht, gegen dich selbst zu kämpfen. Es bedeutet, neugierig zu werden:
Was versucht dieser Teil von mir zu verhindern?
Wovor möchte er mich schützen?
Und welche anderen Möglichkeiten habe ich heute?
Ein Muster verschwindet selten dadurch, dass man es sich einfach verbietet. Es verändert sich, wenn man es früher erkennt, besser versteht und neue Erfahrungen macht.
Du bist deinen bisherigen Reaktionen nicht hilflos ausgeliefert. Auch tief eingeübte Muster können Schritt für Schritt verändert werden.
Nicht, indem du deine Vergangenheit auslöschst, sondern indem du heute neue Entscheidungen triffst.




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