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Nicht jede schlimme Erfahrung ist ein Trauma – aber jede darf ernst genommen werden

sandraschnur
23. Aug.
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 25. Aug.

Habe ich ein Trauma ?

Vielleicht kennen Sie diese Gedanken: „Eigentlich müsste ich längst darüber hinweg sein.“ Oder: „War das, was ich erlebt habe, wirklich schlimm genug, um ein Trauma zu sein?“ Manche Menschen suchen gezielt nach Trauma-Symptomen, weil bestimmte Erinnerungen sie nicht loslassen. Andere fragen sich: Bin ich traumatisiert – oder einfach nur besonders empfindlich?


Die kurze Antwort lautet: Nicht jede belastende oder schmerzhafte Erfahrung ist im fachlichen Sinn ein psychisches Trauma. Das bedeutet jedoch keinesfalls, dass sie harmlos ist oder dass man sich nur „zusammenreißen“ müsste.

Psychisches Leiden ist kein Wettbewerb, bei dem nur die schlimmste Geschichte das Recht auf Unterstützung erhält.


Was ist ein psychisches Trauma?

Das Wort „Trauma“ bedeutet ursprünglich Verletzung oder Wunde. In der Psychologie wird damit eine schwere seelische Verletzung bezeichnet, die durch ein außergewöhnlich bedrohliches oder erschütterndes Erlebnis entstehen kann.

Nach der internationalen Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation kann sich eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln, nachdem ein Mensch einem extrem bedrohlichen oder entsetzlichen Ereignis oder einer Reihe solcher Ereignisse ausgesetzt war. Dazu können beispielsweise körperliche oder sexuelle Gewalt, Krieg, Missbrauch, schwere Unfälle, Naturkatastrophen oder lebensbedrohliche medizinische Notfälle gehören. Auch das Miterleben einer schweren Gewalttat oder eines tödlichen Unfalls kann traumatisch sein. Entscheidend ist dabei nicht allein, was von außen betrachtet geschehen ist. Eine wichtige Rolle spielen auch das Ausmaß der Bedrohung, die erlebte Hilflosigkeit, der Kontrollverlust, die Dauer des Geschehens und die Frage, ob ein Mensch der Situation entkommen konnte. Ein traumatisches Erlebnis führt außerdem nicht automatisch zu einer PTBS. Viele Menschen zeigen zunächst starke Reaktionen, können das Erlebte aber mit der Zeit und mit Unterstützung verarbeiten. Andere entwickeln anhaltende Beschwerden. Beides sagt nichts über persönliche Stärke oder Schwäche aus.


Trauma oder belastende Erfahrung – wo liegt der Unterschied?

Eine Trennung, Mobbing, der Verlust des Arbeitsplatzes, schwere Konflikte, Zurückweisung, Untreue oder eine dauerhaft belastende Beziehung können einen Menschen tief erschüttern. Solche Erfahrungen erfüllen für sich genommen jedoch häufig nicht die diagnostischen Voraussetzungen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Trotzdem können sie erhebliche psychische Folgen haben. Möglich sind beispielsweise depressive Beschwerden, Ängste, Schlafprobleme, ständiges Grübeln, körperliche Stressreaktionen oder eine Anpassungsstörung.

Der Unterschied lautet also nicht: „Trauma ist schlimm, alles andere ist weniger schlimm.“ Der Unterschied liegt in der Art des Ereignisses und im auftretenden Beschwerdebild. Eine Diagnose beschreibt bestimmte Merkmale. Sie bewertet nicht, wie berechtigt das persönliche Leiden ist.


Bin ich traumatisiert? Typische Trauma-Symptome


Bin ich traumatisiert ?

Nach einem außergewöhnlich belastenden Erlebnis können Schlafstörungen, innere Unruhe, Angst, Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme, Schuldgefühle oder ein ständiges Kreisen der Gedanken auftreten. Manche Menschen fühlen sich wie betäubt, innerlich leer oder von sich selbst und ihrer Umgebung merkwürdig getrennt.

Solche Reaktionen sind unmittelbar nach einer extremen Erfahrung zunächst nicht ungewöhnlich. Körper und Psyche befinden sich weiterhin in Alarmbereitschaft, obwohl die eigentliche Gefahr bereits vorüber ist. In vielen Fällen lassen die Reaktionen nach einiger Zeit nach und das Erlebnis kann zunehmend eingeordnet werden. Bei einer posttraumatischen Belastungsstörung stehen drei Bereiche im Mittelpunkt: das Wiedererleben des Ereignisses in der Gegenwart, die Vermeidung von Erinnerungen und Auslösern sowie ein anhaltendes Gefühl aktueller Bedrohung.

Das Wiedererleben kann sich durch aufdrängende Erinnerungen, Albträume oder Flashbacks zeigen. Dabei fühlt sich die Erinnerung nicht wie etwas Vergangenes an. Körper und Gefühle reagieren, als würde die Situation gerade erneut geschehen.

Vermeidung bedeutet, dass Betroffene Gedanken, Gespräche, Menschen, Orte oder Tätigkeiten meiden, die mit dem Erlebnis verbunden sind. Kurzfristig kann das entlasten. Langfristig wird der Alltag dadurch häufig immer stärker eingeschränkt.

Das anhaltende Bedrohungsgefühl zeigt sich beispielsweise durch starke Schreckhaftigkeit oder ständige Wachsamkeit. Betroffene können sich kaum entspannen und haben das Gefühl, jederzeit müsse wieder etwas passieren.

Einzelne Symptome beweisen allerdings noch keine Traumafolgestörung. Schlafprobleme, innere Unruhe und Konzentrationsschwierigkeiten kommen auch bei Depressionen, Angststörungen, chronischem Stress oder anderen psychischen Belastungen vor. Eine sichere Diagnose ist deshalb nicht über eine Liste oder einen Selbsttest im Internet möglich.


Woran kann ich erkennen, ob professionelle Hilfe sinnvoll ist?

Entscheidend ist weniger die Frage, ob Sie Ihr Erlebnis selbst eindeutig als Trauma einordnen können. Wichtiger ist, wie es Ihnen heute damit geht. Professionelle Unterstützung kann sinnvoll sein, wenn Erinnerungen sich immer wieder aufdrängen, Sie bestimmte Situationen zunehmend vermeiden, sich dauerhaft bedroht oder innerlich wie abgeschnitten fühlen oder Ihre Beschwerden über mehrere Wochen anhalten. Auch wenn Schlaf, Beziehungen, Arbeit oder der normale Alltag deutlich beeinträchtigt sind, sollte das ernst genommen werden. Gleiches gilt, wenn Sie regelmäßig Alkohol, Medikamente oder andere Mittel benötigen, um Gefühle oder Erinnerungen auszuhalten, oder wenn Hoffnungslosigkeit und Gedanken auftreten, nicht mehr leben zu wollen. In einer akuten Krise oder bei unmittelbarer Gefahr ist schnelle medizinische Hilfe über den Notruf 112 oder eine psychiatrische Notaufnahme erforderlich. Sie müssen nicht erst beweisen, dass Ihre Erfahrung „schlimm genug“ war. Der Wunsch nach Unterstützung ist bereits ein ausreichender Grund, genauer hinzuschauen.


Warum reagieren Menschen so unterschiedlich?

Zwei Menschen können eine ähnliche Situation erleben und dennoch sehr verschieden darauf reagieren. Ob sich anhaltende Trauma-Symptome entwickeln, hängt unter anderem von der Intensität und Dauer des Erlebnisses, früheren Belastungen, dem Alter zum Zeitpunkt des Geschehens und vorhandenen Schutzfaktoren ab.

Besonders wichtig ist, ob nach dem Ereignis Sicherheit, Verständnis und soziale Unterstützung vorhanden sind. Ein stabiles Umfeld kann die Verarbeitung erleichtern. Abwertung, Schuldzuweisungen, mangelnde Unterstützung oder eine weiterhin bestehende Bedrohung können sie dagegen erschweren. Dass ein Mensch stärker reagiert als ein anderer, bedeutet daher nicht, dass er schwächer ist. Es bedeutet zunächst nur, dass seine Erfahrungen und Ausgangsbedingungen andere waren.


Ist jede schwierige Kindheit ein Kindheitstrauma?

Auch der Begriff Kindheitstrauma wird heute sehr häufig verwendet. Wiederholte körperliche oder sexuelle Gewalt, schwere Vernachlässigung, das Miterleben häuslicher Gewalt oder andere dauerhaft bedrohliche Lebensbedingungen können Kinder schwer traumatisieren. Kinder sind von ihren Bezugspersonen abhängig und können einer bedrohlichen Situation häufig nicht entkommen. Wiederholte oder lang andauernde traumatische Erfahrungen können deshalb besonders weitreichende Folgen haben. Sie können später unter anderem die Emotionsregulation, das Selbstbild, das Sicherheitsgefühl und die Gestaltung von Beziehungen beeinflussen. Aber auch hier gilt: Nicht jede Enttäuschung, jeder Streit mit den Eltern und nicht jede unsichere Bindung ist automatisch ein Kindheitstrauma oder eine komplexe PTBS. Gleichzeitig können Erfahrungen aus der Kindheit belastend und für heutige Verhaltensmuster bedeutsam sein, ohne dass eine Traumadiagnose vorliegt. Auch solche Erfahrungen dürfen angeschaut und bearbeitet werden.


Wie wird ein psychisches Trauma behandelt?

Zu Beginn geht es darum, Sicherheit herzustellen, die aktuellen Beschwerden sorgfältig einzuordnen und gemeinsam zu klären, welche Unterstützung benötigt wird.

Niemand muss sein schlimmstes Erlebnis beim ersten Gespräch bis ins kleinste Detail erzählen. Auch bei einer diagnostischen Abklärung ist eine ausführliche Schilderung zunächst nicht erforderlich. Vertrauen und ein behutsames Vorgehen stehen am Anfang. Wenn tatsächlich eine PTBS vorliegt, gibt es wirksame psychotherapeutische Behandlungen. Zu den wissenschaftlich gut untersuchten Verfahren gehören insbesondere die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie und EMDR.

Welche Behandlung passend ist, sollte immer individuell und fachlich abgeklärt werden. Das eigenständige Konfrontieren mit traumatischen Erinnerungen anhand irgendwelcher Videos oder Übungen aus sozialen Medien ist keine besonders clevere Abkürzung und kann Betroffene zusätzlich überfordern.


Belastende Erfahrungen in einem geschützten Rahmen einordnen

In meiner Praxis für Psychotherapie in Bad König und Höchst biete ich Ihnen einen geschützten Rahmen, in dem wir gemeinsam betrachten können, was Sie erlebt haben, welche Beschwerden Sie heute belasten und was Sie benötigen.

Dabei geht es nicht darum, Ihnen möglichst schnell ein Etikett aufzukleben. Es geht darum, Ihre Reaktionen zu verstehen, vorhandene Ressourcen zu stärken und einen geeigneten nächsten Schritt zu finden. Sollte sich zeigen, dass eine spezialisierte traumatherapeutische oder zusätzliche ärztliche Behandlung erforderlich ist, besprechen wir dies offen und transparent.

Nicht jede schlimme Erfahrung ist ein Trauma. Aber jede Erfahrung, die Sie bis heute belastet, verdient Aufmerksamkeit und darf ernst genommen werden.

Wenn Sie sich Unterstützung wünschen, können Sie über meine Website ein kostenfreies telefonisches Kennenlerngespräch vereinbaren.


Häufig gestellte Fragen

Kann eine Trennung ein Trauma auslösen?

Eine schmerzhafte Trennung erfüllt normalerweise nicht die diagnostischen Voraussetzungen einer PTBS. Sie kann jedoch intensive Trauer, Ängste, depressive Beschwerden oder eine Anpassungsstörung auslösen. Wenn eine Trennung mit schwerer Gewalt, massiven Drohungen oder akuter Lebensgefahr verbunden war, muss die Situation anders beurteilt werden.

Kann ich traumatisiert sein, ohne Flashbacks zu haben?

Nicht jeder Mensch erlebt auffällige bildhafte Flashbacks. Bei einer PTBS muss jedoch eine Form des Wiedererlebens in der Gegenwart bestehen, beispielsweise durch intensive aufdrängende Erinnerungen oder Albträume mit Bezug zum Erlebten. Fehlt dieses Merkmal vollständig, können trotzdem andere behandlungsbedürftige psychische Beschwerden vorliegen.

Können Trauma-Symptome erst Jahre später auftreten?

Beschwerden können verzögert deutlich werden oder sich durch spätere Belastungen verstärken. Häufig bestanden vorher bereits einzelne, weniger auffällige Symptome. Eine fachliche Abklärung kann helfen, aktuelle Beschwerden und frühere Erfahrungen sinnvoll miteinander in Beziehung zu setzen.

Führt jedes traumatische Erlebnis zu einer PTBS?

Nein. Viele Menschen entwickeln nach einem potenziell traumatischen Erlebnis keine dauerhafte psychische Erkrankung. Unterstützung, Sicherheit, persönliche Ressourcen und die Art des Ereignisses beeinflussen, wie das Erlebte verarbeitet werden kann.

Woher weiß ich, ob meine Erfahrung schlimm genug war?

Sie müssen Ihre Erfahrung nicht mit den Erlebnissen anderer vergleichen. Wenn sie Sie bis heute beschäftigt, einschränkt oder emotional belastet, ist sie wichtig genug, um darüber zu sprechen – unabhängig davon, welche Diagnose am Ende zutrifft.


Quellen und weiterführende Informationen

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