Warum ich mit dem systemischen Ansatz arbeite
- sandraschnur
- 5. Juli
- 5 Min. Lesezeit

Manchmal kommen Menschen in die Therapie und sagen: „Ich weiß gar nicht, warum ich so reagiere.“ Oder: „Eigentlich müsste doch alles gut sein, aber innerlich fühlt es sich nicht gut an.“ Andere erzählen von Streit in der Partnerschaft, Konflikten in der Familie, Problemen im Team oder von diesem inneren Hin und Her, bei dem ein Teil stark sein möchte und ein anderer einfach nur müde ist.
Genau hier ist der systemische Ansatz für mich besonders wertvoll.
Denn wir Menschen leben nicht isoliert. Wir sind eingebunden in Beziehungen, Rollen, Erwartungen, Erfahrungen und innere Muster. Was wir fühlen, denken und tun, entsteht nicht einfach im luftleeren Raum. Es steht oft in Verbindung mit dem, was um uns herum passiert – und manchmal auch mit dem, was wir über Jahre gelernt haben.
Was bedeutet „systemisch“ überhaupt?
Systemisch zu arbeiten bedeutet, nicht nur auf ein einzelnes Symptom zu schauen, sondern auf Zusammenhänge.
Es geht nicht nur um die Frage: „Was stimmt mit mir nicht?“Sondern eher um Fragen wie: „In welchem Zusammenhang ist dieses Verhalten entstanden?“„Welche Rolle nehme ich in meiner Familie, Partnerschaft oder im Beruf ein?“„Welche Muster wiederholen sich immer wieder?“„Was versucht ein Symptom vielleicht zu schützen, auszudrücken oder sichtbar zu machen?“„Welche inneren Anteile wirken gerade miteinander – oder gegeneinander?“ Und nein, das bedeutet nicht, dass alles immer an der Familie liegt. So einfach ist es natürlich nicht. Wäre ja auch zu praktisch, dann könnten wir das Leben direkt in drei Familienaufstellungen und einem Kaffee lösen.
Systemisch bedeutet vielmehr: Wir schauen genauer hin. Nicht vorschnell. Nicht mit Schuldzuweisung. Sondern mit Neugier auf die Wechselwirkungen.
Der Mensch im System Familie
Viele unserer Muster entstehen früh. In der Familie lernen wir, wie Nähe funktioniert, wie Konflikte ausgetragen werden, ob Gefühle Platz haben, ob Leistung wichtig ist, ob man stark sein muss oder ob man Hilfe annehmen darf. Vielleicht hast du gelernt, immer zu funktionieren. Vielleicht warst du die Vernünftige, die Angepasste, die Verantwortliche oder diejenige, die bloß keinen Ärger machen wollte. Vielleicht hast du früh gespürt, dass bestimmte Gefühle nicht willkommen waren. Wut nicht. Traurigkeit nicht. Bedürftigkeit schon gar nicht. Diese Erfahrungen prägen. Nicht, weil du schwach bist, sondern weil dein Nervensystem gelernt hat, sich anzupassen.
In der Therapie kann es hilfreich sein, solche Muster sichtbar zu machen. Nicht um Schuldige zu suchen, sondern um zu verstehen: Was war damals vielleicht sinnvoll? Und was passt heute nicht mehr zu deinem Leben?
System Partnerschaft: Wenn zwei Menschen in alte Muster rutschen
Auch in Beziehungen zeigt sich der systemische Blick sehr deutlich.
Ein Paar streitet oft nicht nur über den Müll, das Handy, die Schwiegermutter oder den Tonfall beim Frühstück. Das sind häufig nur die sichtbaren Auslöser. Darunter liegen oft Bedürfnisse, Verletzungen oder Ängste. Der eine zieht sich zurück, weil er keinen Streit möchte. Die andere wird lauter, weil sie sich nicht gesehen fühlt. Je mehr sie fordert, desto mehr zieht er sich zurück. Je mehr er schweigt, desto stärker fühlt sie sich allein. Und schon entsteht eine Dynamik, die beide eigentlich gar nicht wollen.
Systemisch betrachtet geht es dann nicht darum, einen „Schuldigen“ zu finden. Es geht darum, den Kreislauf zu erkennen. Was passiert zwischen euch? Wer reagiert worauf? Was wird unausgesprochen erwartet? Welche alten Erfahrungen werden vielleicht gerade berührt? Und was könnte jeder anders tun, damit wieder Kontakt entsteht? Das kann entlastend sein. Denn oft merken Paare: Nicht wir als Menschen sind das Problem, sondern unser Muster ist zum Problem geworden.
System Beruf und Team: Wenn Rollen krank machen können
Auch im Arbeitsumfeld leben wir in Systemen. Teams, Hierarchien, Erwartungen, unausgesprochene Regeln und Gruppendynamiken beeinflussen unser Verhalten.
Vielleicht bist du im Team immer diejenige, die alles auffängt. Oder du vermeidest Konflikte, obwohl dich innerlich längst alles nervt. Vielleicht hast du das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen, weil Schwäche im beruflichen Umfeld keinen Platz hat. Oder du spürst Druck, obwohl objektiv betrachtet gar niemand etwas gesagt hat.
Auch hier lohnt sich der systemische Blick. Welche Rolle hast du übernommen?Ist diese Rolle wirklich deine?Welche Erwartungen erfüllst du automatisch?Was würde passieren, wenn du Grenzen setzt?Und wo hältst du ein System mit deinem Verhalten unbewusst stabil, obwohl es dir nicht guttut? Das klingt unbequem. Ist es manchmal auch. Aber es kann sehr befreiend sein.
Das innere System: Arbeit mit inneren Anteilen
Systemisch zu arbeiten bedeutet für mich nicht nur, äußere Beziehungen anzuschauen. Auch in uns selbst gibt es ein inneres System.
Vielleicht kennst du das: Ein Teil von dir möchte endlich mutig sein. Ein anderer hat Angst. Ein Teil sagt: „Reiß dich zusammen.“ Ein anderer möchte einfach nur Ruhe.Ein Teil will Nähe.Ein anderer schützt dich, indem er auf Abstand geht.
Diese inneren Anteile sind nicht verrückt. Sie sind menschlich.
Oft entstehen sie aus Erfahrungen. Ein innerer Kritiker wollte vielleicht einmal verhindern, dass du Fehler machst. Ein kontrollierender Anteil wollte dir Sicherheit geben. Ein angepasster Anteil wollte Zugehörigkeit sichern. Ein erschöpfter Anteil zeigt vielleicht, dass du viel zu lange über deine Grenzen gegangen bist.
In der Arbeit mit inneren Anteilen geht es nicht darum, etwas „wegzumachen“. Es geht darum, diese inneren Stimmen besser zu verstehen. Wer meldet sich da gerade? Wovor will dieser Anteil schützen? Was braucht er? Und welcher erwachsene, stärkere Anteil darf heute mehr Führung übernehmen? Das ist oft ein sehr berührender Prozess. Weil Menschen plötzlich merken: In mir ist nicht einfach Chaos. In mir gibt es Anteile, die Gründe haben. (s. hierzu auch mein Artikel: "Therapeutische Arbeit mit inneren Anteilen & Ego-State-Arbeit: Wenn verschiedene Seiten in dir gleichzeitig etwas wollen")
Warum ich diesen Ansatz so hilfreich finde
Ich arbeite gern systemisch, weil dieser Blick Menschen entlasten kann.
Viele kommen mit dem Gefühl: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Der systemische Ansatz fragt nicht vorschnell: „Was ist kaputt?“E r fragt eher: „Was hat sich entwickelt – und warum?“ Das ist ein großer Unterschied.
Denn wenn ich verstehe, warum ich mich in bestimmten Situationen klein, angespannt, wütend, hilflos oder überfordert fühle, entsteht ein neuer Handlungsspielraum. Ich bin meinen Mustern nicht mehr nur ausgeliefert. Ich kann beginnen, sie zu erkennen, zu hinterfragen und Schritt für Schritt anders zu handeln. Systemisches Arbeiten ist für mich deshalb ressourcenorientiert. Es schaut nicht nur auf Probleme, sondern auch auf Fähigkeiten, Beziehungen, bisherige Lösungsversuche und neue Möglichkeiten.
Wie ich in der Therapie damit arbeite
In meiner therapeutischen Arbeit nutze ich systemische Elemente je nach Anliegen und Situation. Das kann im Gespräch sein, durch gezielte Fragen, durch Perspektivwechsel, durch Arbeit mit Rollen und Beziehungsmustern oder auch mit dem Systembrett.
Manchmal hilft es, ein Problem nicht nur zu besprechen, sondern sichtbar zu machen. Wer steht wem nah? Wer hat viel Einfluss? Wer fehlt? Welche Rolle hat die Angst? Wo steht die Verantwortung? Was verändert sich, wenn etwas einen anderen Platz bekommt? Gerade bei Beziehungsthemen, Familienkonflikten, beruflicher Überlastung, Selbstwertproblemen oder innerer Zerrissenheit kann diese Arbeit sehr hilfreich sein. Dabei geht es nicht darum, schnelle Patentlösungen zu liefern. Die gibt es selten. Und wenn doch, stehen sie meistens auf Ratgeberkarten mit Sonnenuntergang und sind nach drei Tagen wieder vergessen. Es geht darum, gemeinsam hinzuschauen, zu sortieren und neue Möglichkeiten zu entwickeln.
Für wen kann der systemische Ansatz hilfreich sein?
Ein systemischer Blick kann hilfreich sein, wenn du immer wieder in ähnliche Konflikte gerätst, dich in Beziehungen nicht gesehen fühlst, dich schwer abgrenzen kannst oder das Gefühl hast, in deiner Familie, Partnerschaft oder im Beruf eine feste Rolle eingenommen zu haben. Er kann auch hilfreich sein, wenn du innerlich widersprüchliche Gefühle erlebst. Wenn du einerseits etwas verändern möchtest, andererseits aber Angst davor hast. Wenn du dich selbst oft kritisierst. Oder wenn du spürst, dass alte Erfahrungen heute noch Einfluss auf dein Verhalten haben.
Verstehen schafft Veränderung
Für mich ist systemisches Arbeiten keine Methode, bei der jemand von außen sagt, was richtig oder falsch ist. Es ist eher ein gemeinsames Erkunden.
Was wirkt hier zusammen? Was wurde gelernt? Was wird wiederholt? Was schützt dich vielleicht noch, obwohl es dich heute begrenzt? Und welche neuen Wege sind möglich?
Denn Veränderung beginnt oft nicht damit, dass wir uns verurteilen. Veränderung beginnt damit, dass wir uns besser verstehen.
Und manchmal reicht genau dieser erste neue Blick, damit sich innerlich etwas bewegt.
Hinweis:
Für meine Blogartikel verwende ich KI-generierte Symbolbilder. Sie dienen ausschließlich der Veranschaulichung und zeigen keine echten Klientinnen, Klienten oder realen Therapiesituationen. Die Privatsphäre meiner Klientinnen und Klienten hat für mich höchste Priorität.




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